Trendgetreide Dinkel richtig führen

Dinkel liegt schwer im Trend und wird mehr und mehr nachgefragt. Bei der Produktionstechnik ist einiges zu beachten, wie Hansgeorg Schönberger, N.U. Agrar GmbH, erläutert.

22-26 Spindelstufen mit je einer Vese

22-26 Spindelstufen mit je einer Vese  

 

Schon vor 1.000 Jahren sprach Hildegard von Bingen dem Dinkel positive ernährungsphysiologische Eigenschaften zu. Es liegen auch aktuelle Untersuchungsergebnisse vor, die dem Dinkel höhere Gehalte an Spurenelementen und Vitaminen attestieren. Unter gleichen Anbaubedingungen werden allerdings diese Unterschiede nivelliert. Als gesichert kann dagegen der im Vergleich zum Weichweizen höhere Gehalt an Kieselsäure gelten.


Dinkel als Brotgetreide

Dinkel besitzt wie die Gerste eine mit dem Keimling verwachsene Spelze, muss also vor der Verarbeitung erst entspelzt werden. Er erreicht Eiweißgehalte von13–16 %, lässt sich aber schwerer backen als Weizen, weil der Gliadin-Anteil im Vergleich zum Glutenin deutlich höher ist. Das Dinkelmehl nimmt deshalb auch weniger Wasser auf und Backwaren werden schnell hart. Dinkel enthält wie Weichweizen Gluten, ist also für Glutenallergiker (Zöliakie) nicht geeignet. Aufgrund des relativ hohen Fettanteils wird das leicht nussig schmeckende Mehl schnell ranzig und muss in kürzeren Zeiträumen verarbeitet werden.


Ertragsaufbau von Dinkel

Geerntet werden die Dinkelvesen, also die Ährchen, die meist zwei Körner enthalten. Das Gewicht der entspelzten Körner entsprach in unseren Versuchen einem TKG von 38 bis 56 g, die Vesen mit zwei Körnern wogen im Schnitt 105 bis 125 g. Damit machten die Spelzen hier etwa 20–25 % des Vesengewichtes aus. Ein Vesenertrag von 90 dt/ha entspricht also einem Kornertrag von ca. 72 dt/ha.

Dieser Kornertrag erfordert bei einem TKG von 40 g eine Korndichte von 18.000 Körner je m².

Eine Sorte bildet meist 22 bis 26 Spindelstufen mit je einer Vese. Allerdings werden die unteren zwei bis vier Vesen nicht ausgebildet und reduziert, sodass eine Dinkelähre zwischen 18 und 24 Vesen mit 36 bis 48 Körnern besitzt. Im Gegensatz zum „normalen Weizen“ werden Mittelkörner meist nicht ausgebildet. Damit kann der Dinkel eine unzureichende Ährenzahl über die Kornzahl je Ähre weniger gut kompensieren als der Weizen. Bei durchschnittlich 40 Körnern je Ähre muss ein Dinkelbestand also 450 Ähren je m² für eine Korndichte von 18.000 Körner je m² aufweisen, bei 36 Kö/m² sind es schon 500 Ä/m². Mit noch höherer Bestandesdichte steigt das Lagerrisiko.


Ertragsbildung aktueller Dinkelsorten

Die etwas früher reife Sorte Franckenkorn bildet den Ertrag über eine im Vergleich zu Weizen mittelhohe Ährenzahl (optimal: 480 bis 550 Ä/m²) mit mittelhoher Kornzahl je Ähre (34 bis 40 Kö/Ä) und mit einem TKG der entspelzten Körner von 42 bis 50 g.

Im Vergleich zu Franckenkorn produziert Divimar weniger Körner je m², aufgrund der geringeren Ährenzahl (420 bis 480 Ä/m²) und der geringeren Kornzahl je Ähre (32 bis 36 Kö/Ä). Die geringere Korndichte kompensiert der später reife Divimar über das sehr hohe TKG (50 bis 60 g), kommt aber im Normalfall im Ertrag nicht an die Erträge von Franckenkorn heran.

ZOLLERNSPELZ und die neuere Sorte Filderstolz sind in der Abreife ähnlich wie Divimar einzustufen. Die höhere Kornzahl je Ähre (36 bis 42 Körner je Ähre) bringt diese Sorten im Ertrag trotz der geringeren Bestandesdichte (420 bis 500 Ähren pro m²) mindestens auf das Niveau von Franckenkorn.


Aussaat: Entspelztes Saatgut bringt Vorteile

Die Aussaat der Dinkelvesen bringt einige pneumatische Sämaschinen an die Grenzen. Die Vesen sind oft ineinander verhakt, was die Häufchenbildung in der Drillreihe
fördert. Durch Striegeln nach der Saat werden die Häufchen auseinandergezogen und die Einzelpflanzen können sich etwas gleichmäßiger bestocken.

Die Vesen bilden aber ein generelles Problem für den Bestandesaufbau, da jedes Korn in der Vese ein eng benachbartes zweites Korn mit sich bringt. Dadurch wird die Leistung der Einzelpflanze eingeschränkt. Einen wesentlichen Fortschritt für die Ertragsbildung des Dinkels bildet deshalb die Entspelzung des Saatgutes, um Einzelkörner säen zu können. Die Eigenschaften des entspelzten Saatgutes hängen stark von der Art und Weise der Entspelzung ab. Mittlerweile wird entspelztes Saatgut mit ausreichender Triebkraft angeboten. Es hat einen geringeren Keimwasserbedarf als Saatgut mit Spelzen und sollte deshalb nicht unnötig tief abgelegt werden.


Bestandesaufbau von Dinkel

Die Bestockung des Dinkels hängt von der Wachstumszeit innerhalb der Kurztagsphase ab. Triebe, die bis zur ersten Aprilwoche wenigstens vier Blätter bilden konnten, fallen im Ertrag gegenüber den Haupttrieben kaum ab. Liegen zwischen Feldaufgang und Anfang April mehr als 60 Tage, kann die Pflanze bei ausreichend großem Standraum drei Ähren je Pflanze bilden. Dann reicht eine Bestandesdichte von 150 Pflanzen je m² aus. Stehen dem Dinkel nur 45 Tage im Kurztag zur Verfügung, bildet die Dinkelpflanze weniger Ähren je Pflanze aus. Bei späterer Aussaat muss dann fast auf Endbestand gesät werden.

Es gilt:

  • Für 150 Pfl/m² müssen bei 80 % Feldaufgang und 10 % Pflanzenverlusten 200 Körner bzw. 100 Vesen/m² gesät werden.
  • Für 225 Pfl/m² sind 310 Körner bzw. 160 Vesen/m² notwendig.
  • Bei später Aussaat müssen dann 450 Körner bzw. 225 Vesen gesät werden. Dann wird allerdings schon bei Drillweiten von 15 cm die Konkurrenz um Keimwasser sehr hoch.
  • 100 Vesen/m² entsprechen etwa 120 kg/ha Saatgut, 160 Vesen/m² immerhin 190 kg/ha.
  • Bei sehr späten Aussaatterminen fällt der Dinkel im Ertrag meist stark ab.


Ertragsbildung bestimmt die Düngung

Dinkel hat einen etwa gleich hohen Anspruch an die Vernalisation wie spät schossender Weizen (z. B. Diskus, Toras). Durch intensive Vernalisation wird er schneller zum Schossen gezwungen. Die „Große Periode“ (Streckung der Ähre im Halm) setzt beim Dinkel trotzdem später ein als bei späten Weizensorten. Im Langtag entwickelt sich der Dinkel schneller als Weizen und kommt daher zur selben Zeit zum Ährenschieben. Da die Kornfüllung nur zwischen 45 und 55 Tagen dauert, wird Dinkel sogar schneller reif als Weizensorten mit vergleichbarer Entwicklung.


Startgabe = Bestandesdüngung zu Dinkel

Aus dem Entwicklungsverlauf ergibt sich, dass Dinkel wie spät schossende Weizensorten weniger Stickstoff als Startgabe benötigt, dafür muss zum Schossen und als Spätgabe mehr Stickstoff gegeben werden. Die zweite Gabe darf nicht zu früh erfolgen, um nicht zu viele Nebentriebe hochzuziehen. Die N-Düngung zu Dinkel sollte vorwiegend mit Harnstoff oder Ammonium-Dünger erfolgen, um das Lagerrisiko zu beschränken.

50 kg/ha N sind bei einem vor Winter ausreichend bestockten Dinkel für die Ausbildung kräftiger Triebe notwendig. Dazu kommt ein Zuschlag von 10 kg/ha N auf sandigen Böden und bis 30 kg/ha N auf tonigen Böden für den Reststickstoff, der im Wurzelraum (bis 30 cm) bleibt. Von dem Sollwert von 60 bis 80 kg/ha N wird der Vorrat an verfügbarem Stickstoff (Nmin) in den oberen 30 cm abgezogen. Höhere Startgaben verhindern die Reduktion unproduktiver Nebentriebe, eine zu schwache Andüngung begrenzt hingegen die Bestandesdichte.

Spät gesäter Dinkel, der sich vor Winter noch nicht bestockt hat, braucht zum Starten auf sandigen Böden ca. 30 kg/ha N mehr, auf tonigen Böden ca. 50 kg/ha N mehr. Die Anschlussdüngung darf dann erst in EC 31/32 fallen.


Schwefelversorgung sichern

Um die Stickstoffwirkung abzusichern, sind zu Wachstumsbeginn wenigstens 30 kg/ha Schwefel in der Krume bzw. 50 kg/ha Schwefel im Wurzelraum erforderlich. Denn ohne eine gute Schwefelversorgung wird der Stickstoff unzureichend verwertet, weil essenzielle Aminosäuren nicht ausreichend gebildet werden. Insgesamt sind auch für Dinkel 1,2 kg Schwefel notwendig, um 10 kg Stickstoff voll zum Wirken zu bringen.


Zweite N-Gabe zum Schossen (Ertragsdüngung)

Die Höhe der zweiten N-Gabe orientiert sich an der Anzahl Vesen bzw. Körner je m². Pro 500 Vesen je m² (1.000 Körner) muss der Dinkel zwischen dem Beginn der „Großen Periode“ der Ähre (ab EC 32) und der Blüte 12 kg/ha N aufnehmen können, das sind bei 18.000 Körnern oder 9.000 Vesen je m² ca. 100 kg/ha N.

Sandige Böden mit 40 Bodenpunkten sollten dazu auf einen Sollwert von 140 kg/ha N, Lehmböden (60 BP) auf 160 kg/ha N und Tonböden (50 BP) auf 170 kg/ha N aufgedüngt werden. Davon werden der Nmin-Vorrat im Wurzelraum (bis 60 cm) und die bereits gefallene N-Düngung abgezogen.

Weichen die Bodenpunkte ab, werden pro 10 Bodenpunkte mehr 10 kg/ha N abgezogen, bzw. bei schlechterer Einstufung dazugezählt.

Der Termin der zweiten N-Gabe orientiert sich an der Bestandesentwicklung:

  • Schwächer entwickelte Bestände: EC 29, also noch vor dem Schossen
  • Gut entwickelte Bestände: EC 31, wenn die Ährchenbildung im Haupttrieb mit dem Spitzenährchen abgeschlossen ist; die Ähre ist dann etwa 1 cm lang.
  • Üppige Bestände: EC 31/32, wenn die Ährenanlagen in den Nebentrieben das Spitzenährchen aufgestellt haben und die Haupttriebähren kurz vor der „Großen Periode“ sind; unproduktive Nebentriebe können dann noch reduziert werden.
  • N-Gaben über 80 kg/ha N sollten geteilt werden. Die zweite Teilgabe wird dann in EC 32/37 ausgebracht und kann eventuell mit der Spätdüngung zusammengefasst werden.

Dritte N-Gabe (= Spätgabe) für die Kornfüllung und den Proteingehalt.

Die Höhe der N-Spätdüngung hängt im Wesentlichen von der Ertragserwartung und vom Proteingehalt ab. Berücksichtigt werden der Überhang aus der vorherigen Düngung, der in tieferen Schichten vorliegende mineralisierte Stickstoff und die voraussichtliche N-Freisetzung aus Boden, Ernterückständen und organischer Düngung.


Wachstumsregler im Dinkel

Aktuelle Dinkelsorten wie Divimar oder ZOLLERNSPELZ, auch Badenstern und Filderstolz haben inzwischen eine recht gute Standfestigkeit. Franckenkorn muss dagegen intensiver gekürzt werden. Der erste Schritt zur Verbesserung der Standfestigkeit ist die geringere Saatstärke, vor allem bei früher Aussaat.

Für Dinkel ist derzeit der Wachstumsregler Countdown® mit dem Wirkstoff Trinexapac (in Moddus®) zugelassen. Auch Cerone® (Ethephon) darf aufgrund der Getreidezulassung im Dinkel gespritzt werden. Moddus® und Medax® Top erfordern eine Ausnahmezulassung, die für das CCC nicht mehr erteilt wird (Stand Juni 2016)*.


Mit welchen Krankheiten ist beim Dinkel zu rechnen?

Entgegen der landläufigen Meinung ist Dinkel weder weniger anfällig für Krankheiten als die in der Praxis angebauten Weizensorten, noch ist er winterhärter. Auch sind „alte“ Sorten nicht gesünder als „neue“.

Die im Vergleich zum Weizen höhere Anfälligkeit des Dinkels gegen Krankheiten an der Halmbasis erfordert einen frühzeitigen Einsatz von Fungiziden. Die Metconazol- bzw. Tebuconazol-haltigen Mittel mit „Weizen-Zulassung“ dürfen im Dinkel gegen Roste, Mehltau oder Septoria tritici gespritzt werden*.

  • Mit Ausnahme von Badengold sind alle Sorten anfällig für Mehltau. Stärker anfällig sind vor allem Divimar und Filderstolz.
  • Franckenkorn und ZOLLERNSPELZ erwiesen sich bislang als wenig anfällig für Gelbrost, auch gegenüber dem „Warrior“-Typ. Filderstolz ging 2015 dagegen im Gelbrost fast unter, auch Divimar erwies sich als gelbrostan­fällig.
  • Braunrost ist die Schwäche aller Dinkelsorten im derzeitigen Sortiment, auch von Franckenkorn.
  • Blattseptoria und DTR befallen auch den Dinkel. Die Sortenunterschiede in der Anfälligkeit sind begrenzt, nur Divimar wird etwas weniger stark mit Septoria tritici befallen.
  • Dinkel kann auch mit Ährenfusarien und Septoria nodorum befallen werden, vor allem nach starker Einkürzung. Aufgrund der lockeren Ähre ist aber die Fusarien-Anfälligkeit geringer als bei der Mehrzahl der Weizen- oder Triticalesorten. Regen in die Blüte erfordert in Befallslagen eine Fungizidmaßnahme.

Hansgeorg Schönberger

* Hinweis der Redaktion: Absprache mit dem Vertragspartner erforderlich, weil einige Verarbeiter bestimmte Wirkstoffe im Anbau nicht zulassen.


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