Alter Wein in neuen Schläuchen

Ein Kommentar von Sven Böse zu den 10 Thesen zur Landwirtschaft 2030 der DLG.

Der EInsatz von gesunden Sorten verlängert die

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Produktivitätsschübe mit Nebenwirkungen
Die 10 Thesen zur Landwirtschaft 2030, von einer 50-köpfigen Expertenrunde erarbeitet, sind „ohne Zweifel eine Herausforderung für den landwirtschaftlichen Unternehmer“, so DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer. In der Tat: Solch eine Bereitschaft zum Hinterfragen der bisherigen Produktion hinsichtlich Umweltschutz, Klimawandel oder Tierwohl war aus der „Mitte der Agrarwelt heraus“ noch nie zu vernehmen: „Nur der ist zukunftsfähig, der zur Selbstkritik fähig ist, der die Zeichen der Zeit erkennt.“ Wer solche Offenheit als Nestbeschmutzung betrachtet, verkennt deren deeskalierende Wirkung in Konflikten. Denn wer sich öffnet, sich damit ja auch verletzlicher macht, entwaffnet auch den Gegner ein Stück weit in dessen Argumentation – oder löst bei diesem zumindest „Beißhemmung“ aus.

Der vielbeschworene „Dialog mit der Gesellschaft“ könnte so – weil ergebnisoffener – in der Tat eine neue Qualität erhalten.

In These 5 heißt es: „Die moderne, wissens- und innovationsgetriebene Produktionstechnik führte in den letzten Jahrzehnten zu beachtlichen Produktivitätsschüben. Mit Nebenwirkungen: Klimawandel, Artenverlust, Gewässereutrophierung. Kritisiert wird eine Zuspitzung der Produktionsverfahren durch Ausräumung der Kulturlandschaften, eine Vereinfachung der Fruchtfolge und eine übermäßige Verwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Klassische ackerbauliche Prinzipien in der Fruchtfolgegestaltung, der Bodenbearbeitung sowie der Aussaattechnik und den Aussaatzeiten müssen wieder stärker in die gute landwirtschaftliche Praxis Eingang finden. Das marktfähige Kulturartenspektrum sollte erweitert werden, sodass klassische Fruchtfolgesysteme einem ganzheitlicheren ackerbaulichen Anspruch genügen.“

Ist das nicht „alter Wein in neuen Schläuchen“, nichts weiter als ein erneuertes Bekenntnis zu den Grundsätzen des integrierten Pflanzenbaus? Dieser ist spätestens seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Leitbild für eine ganzheitliche, nachhaltige Pflanzenproduktion. Es wird seitdem in jeder landwirtschaftlichen Bildungseinrichtung gelehrt und nach außen kommuniziert für die Darstellung einer intensiven und dabei doch nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion.


Eher was für Sonntagsreden?
Doch seien wir ehrlich! In den letzten 40 Jahren war integrierter Pflanzenbau eher in Sonntagsreden und Lehrbüchern zu Hause als in der landwirtschaftlichen Praxis. Pflanzenbauliche Problemen – etwa resultierend aus engen Rotationen oder frühen Saatterminen – konnte auch durch mehr Düngung bzw. Pflanzenschutz begegnet werden. Das war einfacher und wirtschaftlicher als Vorbeugung: Erweiterte Fruchtfolgen, zumal solche mit Extensivfrüchten, drohten den Deckungsbeitrag zu verringern. Optimale Saattermine verringern das Saatzeitfenster und damit auch die Maschinenauslastung in den knapp mechanisierten wachsenden und größeren Betrieben.

Der bereits seit einigen Jahren zu beobachtende Stimmungswechsel zugunsten eines vorbeugenden Pflanzenschutzes resultiert weniger aus gesellschaftlichem Druck als aus pflanzenbaulicher Ohnmacht.

Denn chemischer Pflanzenschutz ist nicht länger die zentrale Problemlösung gegen Schaderreger. Viele bisherige Mittel – Fungizide, Herbizide und Insektizide – verlieren an Wirkung oder sogar ihre Zulassung, neue Wirkstoffe sind kaum in Sicht.

Und nun die novellierte Düngeverordnung! Zukünftig ist es nicht mehr möglich, eine krankheitsbedingte geringere Wurzelleistung durch mehr Dünger zu kompensieren. Genau dies wurde ja in den vergangenen Dekaden im Stoppelweizen so gehandhabt: Dieser wurde stärker gedüngt und drosch trotzdem weniger. Folgeweizen wurde in den letzten Jahren bereits durch Greeningvorgaben zugunsten der Wintergerste zurückgedrängt, mit der novellierten DüVO verliert er aufgrund seiner geringen N-Effizienz noch mehr an Vorzüglichkeit.


Auswirkungen auf „Gute fachliche Praxis“
Die Zukunftsthesen der DLG fordern pflanzenbaulich nichts anderes als das, was weitblickende Praktiker und Berater seit Jahren immer vernehmlicher fordern – gesündere Produktionsverfahren. Integrierter Pflanzenschutz ist zudem seit 01.01.2014 Bestandteil des Nationalen Aktionsplans Pflanzenschutz (NAP), der die „Einführung und Weiterentwicklung von Pflanzenschutzverfahren mit geringen Pflanzenschutzmittel-Anwendungen“ fördern soll.

Und doch hat sich mit den DLG-Thesen etwas geändert: Integrierter Pflanzenschutz wird in der breiten Wahrnehmung nicht länger als Gängelung bzw. Einschränkung betrachtet, sondern als Chance, massive pflanzenbauliche Probleme – auch selbstgemachte – zu lösen, indem die Übel bei der Wurzel angepackt werden. Dies wiederum dürfte auch Auswirkungen haben auf die „Gute fachliche Praxis (GFP)“. Dieser Verhaltensrahmen definiert rechtlich die Einhaltung bestimmter Grundsätze im Hinblick auf den Umweltschutz. Diese Grundsätze sollen wissenschaftlich abgesichert sein, amtlich empfohlen, notwendig, praktikabel und hinreichend bekannt. Die drei letzten Kriterien werden mit den Thesen zur Landwirtschaft 2030 unterstrichen. „Klassische ackerbauliche Prin­zipien“, ob Bodenbearbeitung, Feldhygiene, Fruchtfolge, Sortenwahl oder Saatzeit sind nun allseits akzeptierter Standard.


Gesunde Sorten schützen Fungizide
Abbildung 1 ist 25 Jahre alt, erweitert nur um den Punkt „Schonung Fungizide“. Man würde die Nutzungsmöglichkeiten gesunder Sorten heute so nicht mehr diskutieren, in der Rückschau trifft die Darstellung jedoch den Kern: In den vergangenen Dekaden trugen verbesserte Resistenzen im Fuß-, Blatt- und Ährenbereich maßgeblich dazu bei, die Weizenerträge trotz immer engerer Fruchtfolgen, höherer N-Düngung, früheren Saaten und reduzierter Bodenbearbeitung zu stabilisieren. Werden die Resistenzen auf diese Weise für eine höhere Anbauintensität „verbraucht“, sind Einsparungen beim Pflanzenschutz kaum möglich, so die Botschaft der Grafik seinerzeit. Das wird sich jetzt ändern! Mit „gesünderem“ Ackerbau werden Resistenzen wieder mehr dazu beitragen, Behandlungen einzusparen. Das verringert nicht nur die Kosten und gesellschaftliche Konflikte, sondern hilft auch, chemischen Pflanzenschutz als wirksame Option zu erhalten. Denn wo kein Wirkstoffeinsatz, da auch keine Resistenzbildung gegen diesen Wirkstoff.

„Fungizide schützen Sorten – Sorten schützen Fungizide“ (Rodemann 2017).

Sven Böse


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